Techniker mit Dashboard auf einem Notebook in einem automatisierten Lager

EU Delivery Act: Europas Paketmarkt vor der Neuordnung

Die Europäische Kommission arbeitet an einem neuen Rechtsrahmen für den Zustellmarkt: dem EU Delivery Act. Noch bis zum 5. März läuft die öffentliche Konsultation („Call for Evidence“). Aus Sicht der SKR AG entscheidet sich in dieser Phase, wie Wettbewerb und Investitionen im europäischen Paketmarkt künftig funktionieren werden. „Wir sprechen über Regulierung, entscheiden aber über die Struktur des Marktes“, sagt Rico Back, Managing Partner der SKR AG. „Am Ende geht es darum, wer den Zugang zum Paketvolumen kontrolliert.“

Die derzeitige EU-Postrichtlinie stammt aus einer Zeit, in der Briefsendungen den Markt dominierten. Der Delivery Act soll sie in einen modernen Rechtsrahmen für einen vom E-Commerce geprägten Paketmarkt überführen – mit stärkerem Fokus auf digitale Prozesse, Interoperabilität, fairen Wettbewerb und grenzüberschreitende Zustellung.

Ein zentraler Diskussionspunkt ist die Einführung einer offenen, interoperablen Infrastruktur – vergleichbar mit IBAN im Zahlungsverkehr oder EAN/GTIN im Handel. Pakete und Marktteilnehmer könnten dadurch systemübergreifend eindeutig identifiziert und zwischen Netzwerken übergeben werden.

„Hier geht es nicht um Detailregulierung, sondern um Marktarchitektur“, sagt Rico Back, Managing Partner der SKR AG. „Die Entscheidung lautet: offenes Netzwerk vieler kompatibler Systeme – oder geschlossene Plattformökosysteme mit technischem Gatekeeping.“

Nach Einschätzung der SKR AG hätte eine Standardisierung erhebliche Auswirkungen auf die Branche:

Auf der Chancen-Seite würden Paketdienstleister leichter an große Versender und internationale Versandplattformen angebunden. Individuelle IT-Integrationen, die heute oft Monate dauern und hohe Projektkosten verursachen, könnten entfallen oder stark vereinfacht werden. Dadurch würden Markteintrittsbarrieren sinken, neue Kunden schneller erreichbar und grenzüberschreitende Netzwerke besser auslastbar. Gleichzeitig würde die Abhängigkeit von einzelnen Großkunden oder Plattformen abnehmen, da Versandvolumen einfacher zwischen mehreren Auftraggebern verteilt werden kann.

Auf der Risikoseite steigt jedoch die Vergleichbarkeit der Anbieter deutlich. Wenn Schnittstellen, Sendungsdaten und Prozesse standardisiert sind, kann Versandsoftware Zustellaufträge automatisiert vergeben. Paketdienste geraten stärker in direkten Preis- und Leistungswettbewerb. Langfristige Bindungen verlieren an Bedeutung, Volumen kann kurzfristiger verlagert werden und die Planbarkeit sinkt. Zudem verschiebt sich die Verhandlungsmacht zu Software- und Routing-Anbietern, die Nachfrage bündeln und Transportkapazitäten einkaufen.

„Der Delivery Act verlagert den Wettbewerb weg von technischen Zugangshürden hin zur tatsächlichen Zustellqualität“, so Back. „Künftig entscheidet, wer schneller, stabiler und effizienter zustellt – nicht mehr, wer am besten ins System integriert ist.“

Neue Machtfrage entlang der Wertschöpfungskette

Parallel entsteht eine strategische Verschiebung in der digitalen Wertschöpfungskette. „Am Ende entscheidet sich, wer den Kundenzugang kontrolliert – Betreiber physischer Netze oder digitale Orchestratoren, die Transportkapazitäten steuern“, erklärt Back. „Deshalb ist jetzt der Moment für die Branche, ihre Position einzubringen. Wird der Rahmen einmal gesetzt, bestimmt er den Markt für Jahrzehnte.“

Die Konsultation der EU-Kommission bietet der Branche die Gelegenheit, operative Erfahrungen aus der Logistik in die Ausgestaltung des Rechtsrahmens einfließen zu lassen.