Die Anfang Januar veröffentlichte, groß angelegte EU-weite Zollkontroll-Aktion zeigt deutlich: Ein erheblicher Teil der aus Drittstaaten direkt an EU-Verbraucher gelieferten E-Commerce-Waren entspricht nicht den europäischen Produkt- und Sicherheitsstandards. Besonders betroffen sind Sendungen aus China. „Diese Zahlen sind kein Ausreißer, sondern Ausdruck eines strukturellen Problems“, sagt Rico Back, Managing Partner der SKR AG. „Der europäische Zoll steht vor Importvolumina, die mit klassischen Kontrollmechanismen nicht zu bewältigen sind.“
Die Ergebnisse der EU-weit angelegten Zollkontrollaktion, die gemeinsam mit den nationalen Marktüberwachungsbehörden durchgeführt wurde, bestätigen diese Einschätzung. Bei der Kontrolle von rund 20.000 Spielzeugen und kleinen Elektronikartikeln erfüllte mehr als die Hälfte nicht die geltenden EU-Produktvorschriften. Eine Auswahl dieser Produkte wurde zusätzlich in Laboren auf ihre Sicherheit getestet – 84 Prozent der geprüften Artikel wurden als gefährlich eingestuft.
Über 12 Millionen Pakete täglich fluten die EU
Seit 2022 hat sich das Volumen der in die EU versandten Kleinsendungen jedes Jahr verdoppelt. Allein im Jahr 2024 wurden 4,6 Milliarden Pakete in den EU-Markt eingeführt, über 90 Prozent der Waren stammen aus China.
Auch im Juli 2025 setzte sich das Wachstum fort: Im Vergleich zum Vorjahresmonat wurde ein weiterer Anstieg von 36 Prozent verzeichnet. Online-Plattformen treiben diese Entwicklung maßgeblich voran – darunter insbesondere Anbieter wie Temu oder Shein.
Gleichzeitig werden EU-weit nur etwa 0,008 Prozent aller Sendungen überhaupt kontrolliert. Das entspricht 82 Artikeln pro eine Million freigegebener Produkte. „Bei Millionen täglicher Sendungen kann der Zoll nur stichprobenartig arbeiten“, sagt Back. „Das Problem ist daher kein mangelnder Wille der Behörden – sondern ein Handels- und Logistiksystem, das schneller wächst als jede Kontrollfähigkeit.“
Auch stark steigende Ablehnungszahlen unterstreichen diese Entwicklung: Im Jahr 2024 wurden 48.139 Artikel aus China zurückgewiesen – ein Plus von 180 Prozent gegenüber 2022. „Diese Zahlen zeigen klar, dass das bestehende System mit der Dynamik des Onlinehandels strukturell nicht Schritt halten kann“, so Back.
3-Euro-Zoll lindert das Kernproblem nicht
Ab dem 1. Juli 2026 will die EU die bisherige Zollbefreiung für Sendungen unter 150 Euro beenden und eine pauschale Abgabe von 3 Euro für kleine Pakete einführen. Aus Sicht der SKR AG adressiert diese Maßnahme jedoch nicht das eigentliche Problem.
„Dieser Betrag ist zu niedrig, um die Geschäftsmodelle großer Plattformen substanziell zu verändern, und sie löst kein einziges Kontrollproblem“, sagt Back. „Die Plattformen werden reagieren – mit Containerimporten, zentraler Verzollung, EU-Lagern und lokaler Zustellung. Die Strukturen ändern sich, die Mengen bleiben.“
Die aktuelle EU-Zollkontrollaktion macht nach Einschätzung der SKR AG deutlich, dass es nicht um härtere Einzelmaßnahmen geht, sondern um eine grundlegende Systemfrage.
„Die entscheidende Frage lautet nicht, ob wir physisch mehr kontrollieren oder neue Abgaben einführen“, so Back. „Sondern wie Produktsicherheit und fairer Wettbewerb in einem Markt durchgesetzt werden sollen, der auf Millionen täglicher Importsendungen ausgelegt ist. Solange diese Frage unbeantwortet bleibt, bleiben auch gut gemeinte Maßnahmen Stückwerk.“
Produktsicherheit braucht System, nicht Symbolpolitik
Solange Produktsicherheit und fairer Wettbewerb in einem System durchgesetzt werden sollen, das täglich Millionen von Importsendungen abwickelt, stoßen klassische Kontrollmechanismen zwangsläufig an ihre Grenzen.
Naheliegend wäre daher ein struktureller Umbau – etwa in Form einer einheitlichen digitalen Zollplattform für die gesamte EU. Auf einer solchen Plattform müssten alle E-Commerce-Sendungen bereits vor ihrem Eintreffen in Europa gemeldet werden. Plattformen wären verpflichtet, standardisierte Angaben zu Produkt, Hersteller, Herkunft, verantwortlicher Firma in der EU sowie zu Konformitäts- und Sicherheitsnachweisen zu übermitteln. Zollbehörden, Marktüberwachung und Produktsicherheitsstellen könnten europaweit auf denselben Datenbestand zugreifen – statt wie heute in 27 voneinander getrennten nationalen Systemen zu arbeiten.
„Solange die EU an der Illusion festhält, Produktsicherheit auf Paketebene kontrollieren zu können, wird es weder fairen Wettbewerb noch wirksamen Verbraucherschutz geben“, sagt Back. „Ohne einen strukturellen Umbau bleibt jede Maßnahme kosmetisch.“






