EU kippt Zollfreigrenze – Paketsendungen suchen sich neue Wege

Für Kleinsendungen aus Nicht-EU-Staaten gilt ab dem 1. Juli 2026 eine pauschale Zollabgabe von drei Euro je Warenkategorie – die bisherige Freigrenze von 150 Euro entfällt. Die operativen Auswirkungen zeichnen sich bereits deutlich ab. „Die Reform wird das Sendungsaufkommen nicht verringern“, erklärt Rico Back, Managing Partner der SKR Beteiligungs AG. „Sie verschiebt vielmehr die Strukturen der Logistik und Abwicklung – und hebt den Wettbewerb auf ein neues Niveau.“

Nach den neuen EU-Regeln wird die Drei-Euro-Zollabgabe pro Tarifposition und nicht pro Paket erhoben. Ein Paket mit zwei unterschiedlichen Produktkategorien – etwa einer Handyhülle und einem Ladekabel – wird entsprechend mehrfach belastet. Gemischte Bestellungen führen so zu überproportional steigenden Kosten. Zusätzlich zur Zollabgabe plant die EU die Einführung einer pauschalen Bearbeitungsgebühr von rund zwei Euro pro importierter Sendung, unabhängig vom Warenwert.

„Die zusätzlichen Zollabgaben und Gebühren verändern nicht den grundsätzlichen Preisunterschied zwischen Direktimporten aus China und europäischer Ware“, sagt Rico Back. „Einzelversand wird aber unattraktiver, während gebündelte Warenströme – etwa über den Import größerer Mengen in EU-Lager mit anschließender Distribution innerhalb Europas – an Bedeutung gewinnen.“

Von den Veränderungen betroffen sind alle Anbieter aus Nicht-EU-Ländern. Wer seine Logistik jedoch effizient anpassen kann, ist klar im Vorteil. Große Plattformen sind in der Lage, regulatorische Änderungen schneller umzusetzen, ihre Netzwerke flexibler zu steuern und gezielt zu investieren. Kleinere Anbieter stehen unter dem gleichen Druck, haben aber oft nicht die Möglichkeiten, so schnell und effizient zu reagieren.

Plattformen passen sich bereits an

„Die Hoffnung, den Wettbewerb aus Fernost auszubremsen, wird sich nicht erfüllen“, sagt Rico Back. „Die Warenströme verschwinden nicht, sie organisieren sich neu.“

Plattformen wie Temu oder Shein haben bereits begonnen, ihre Logistikmodelle anzupassen. Statt einzelne Sendungen direkt aus China zu verschicken, verlagern sie Waren zunehmend in europäische Distributionszentren und bedienen Kunden von dort aus. Das reduziert die Komplexität in der Abwicklung und verkürzt die Lieferzeiten.

„Die Verlagerung hin zu EU-naher Distribution wird sich ab Sommer noch deutlich beschleunigen“, so Rico Back. „Warenströme folgen immer der effizientesten Logistikstruktur – und diese Struktur verschiebt sich gerade.“

Wettbewerb verschärft sich angesichts neuer Kostenstrukturen

Die neuen Regelungen verändern die Kostenstruktur im grenzüberschreitenden Handel spürbar. Gleichzeitig verlagern sie zentrale Teile der Abwicklung nach vorn in die Lieferkette: Plattformen und Händler müssen Zoll- und Steuerprozesse stärker vorab integrieren, um Geschwindigkeit, Zuverlässigkeit und Planbarkeit im Versand aufrechtzuerhalten.

Versandmodelle aus China, bei denen direkt an den Verbraucher geliefert wird, geraten zunehmend unter Druck – insbesondere bei Produkten mit geringen Gewinnspannen und bei Anbietern mit manuellen Zollprozessen. Dagegen profitieren Anbieter, die ihre Waren frühzeitig in die EU bringen und dort lagern, von geringeren Stückkosten und zuverlässigeren Abläufen.

„Der Wettbewerb wird nicht durch Regulierung entschieden, sondern durch die Fähigkeit, Lieferketten schnell und effizient neu zu konfigurieren“, resümiert Rico Back. „Wer seine Strukturen im Griff hat, bleibt wettbewerbsfähig – auch unter neuen Rahmenbedingungen.“